Kicken. Kurve. Kapital. – Ein Rückblick

Am 09. Oktober 2025 haben wir im SpOrt Stuttgart unsere Konferenz „Kicken. Kurve. Kapital.“ veranstaltet – ein Tag, an dem wir gemeinsam mit Gästen aus Sport, Politik, Medien und Fankultur darüber diskutierten, wie wir den Fußball besser nutzen können um einen positiven Beitrag für unsere gesellschaftliche Entwicklung zu leisten. Unser Ziel war es, kreativ, offen und lösungsorientiert über die Entwicklungen im Profifußball zu sprechen – über Kommerzialisierung, Verantwortung und die Rolle von Fans und Vereinen in einem komplexer werdenden Umfeld. Der Eintritt war frei – ganz bewusst, denn wir wollten zeigen, dass der Dialog über die Zukunft des Fußballs allen offensteht.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Jörn Kleinschmidt und Ron Merz, unseren beiden Vorsitzenden. In ihrer Begrüßung erinnerten sie daran, dass der Fußball weit mehr ist als ein Wirtschaftszweig – er ist ein kulturelles Gut, das Menschen verbindet, Identität schafft und soziale Verantwortung trägt. Sie betonten, dass es uns als FC PlayFair! darum geht, diesen Werten wieder mehr Gewicht zu geben. Ihr Appell an Fairness, Haltung und Dialog bildete den Auftakt einer engagierten Abendveranstaltung.

Den inhaltlichen Start gestaltete Andreas Rettig, Geschäftsführer Sport des DFB, mit einem ebenso leidenschaftlichen wie nachdenklichen Impulsvortrag. In seiner Rede lenkte er den Blick auf Themen, die weit über den Profifußball hinausreichen und den gesellschaftlichen Auftrag des Sports berühren. Besonders eindringlich sprach er über die Bedeutung von Bewegung im Kindesalter. „Unsere Kinder werden immer dicker“, stellte er fest – und fragte, was der Fußball, aber auch andere Sportarten, tun können, um dem Bewegungsmangel und seinen Folgen entgegenzuwirken. Für ihn steht fest: Sport muss wieder stärker in den Alltag der Kinder integriert werden, nicht als Leistungsdruck, sondern als Freude an der Bewegung und soziales Erlebnis.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Rede war die zunehmende Vielfalt im Sport. Rettig sprach über den wachsenden Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und die daraus entstehenden Herausforderungen und Chancen – etwa im Umgang mit Spielerinnen und Spielern doppelter Staatsangehörigkeit in den Nationalmannschaften. Er plädierte für Offenheit, Toleranz und eine moderne Definition von Zugehörigkeit, die Vielfalt als Stärke begreift, nicht als Problem.

Schließlich widmete er sich dem immer größer werdenden Fachkräftemangel, der auch den Sport zunehmend betrifft. Ob Trainer, Schiedsrichter, Vereinsmanager oder Sportpädagogen – überall fehlen gut ausgebildete Menschen. Rettig stellte die Frage, was der DFB und seine Mitgliedsorganisationen tun können, um Talente nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz gezielt zu entwickeln. Bildung, Weiterbildung und langfristige Förderung seien entscheidende Stellschrauben, um den Fußball nachhaltig zukunftsfähig zu machen.

Rettigs klaren Worte zu Verantwortung, sozialer Wirkung und der Rolle des Fußballs als gesellschaftlicher Motor bildeten die Grundlage für die weiteren Gespräche und Diskussionen an diesem Abend.

Im Anschluss diskutierten Rettig und Petra Häffner, Mitglied des Landtags Baden-Württemberg und dort Sprecherin für Polizei- und Sportpolitik, miteinander. Das Gespräch knüpfte direkt an die zuvor angesprochenen Themen an – insbesondere an die Frage, wie Kinder und Jugendliche wieder in Bewegung gebracht werden können und welche Verantwortung dabei Sportvereine, Schulen und Politik gemeinsam tragen. Häffner betonte die Bedeutung von Bewegungsförderung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe und unterstrich, dass Sportangebote niedrigschwelliger, vielfältiger und inklusiver gestaltet werden müssen, um wirklich alle Kinder zu erreichen.

Auch das Thema Vielfalt und Integration spielte eine zentrale Rolle der Diskussion. Gemeinsam mit Rettig zeichnete Häffner ein Bild einer chancenreichen, diversen Gesellschaft. Weiter malten sie aus,, wie sich der Sport als Ort gelebter Integration weiterentwickeln kann. Sie waren sich einig, dass der Fußball mit seiner Strahlkraft gerade jungen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen Perspektiven eröffnen kann – auf und neben dem Platz. Dabei gehe es nicht nur um sportlichen Erfolg, sondern um Wertevermittlung, Teilhabe und Identität.

Die Diskussion zeigte eindrucksvoll, dass sportpolitische Weichenstellungen und gesellschaftliches Engagement Hand in Hand gehen müssen, wenn der Fußball seiner Verantwortung gerecht werden will. An dieser Stelle ganz herzliches Dankeschön an Petra Häffner und Andreas Rettig für die spannende und inspirierende Diskussion.

Ein besonderer Höhepunkt war anschließend die Podiumsdiskussion, die Gregor Faßbender moderierte. Mit Christoph Ruf, Benni Hoffmann und Tim Frohwein saßen drei engagierte Stimmen auf dem Podium, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Fußball blicken – als Journalisten und Autoren, als Fans und als Vereinsvertreter. Gemeinsam debattierte die Runde über Kommerz, Kultur und Kurve: Wie viel Geschäft verträgt der Fußball? Welche Rolle spielen die Medien in der Wahrnehmung des Spiels? Und wie kann die Fankultur bei all der Kommerzialisierung weiter gestärkt werden? Die Diskussion war lebhaft, ehrlich und von gegenseitigem Respekt geprägt – genau so, wie wir uns Debatten über unseren Sport wünschen. Wichtigste Erkenntnis: Den oftmals wahrgenommenen tiefen Graben zwischen organisierten Fan-Gruppierungen und Ultras in den Kurven einerseits sowie den Fans mit Dauerkarte auf den Tribünen bzw. den Häppchen-Gästen im Business-Bereich andererseits gelte es gar nicht krampfhaft zu überwinden. Vielmehr sollten beide Seiten lernen, ihre unterschiedlichen Rollen zu akzeptieren. Beide Teilgruppen hätten ihren festen Platz und ihre Funktion im Stadion und im Verein. Die einen sorgten mit ihren Choreos und auch mit dem umstrittenen Einsatz von Pyro für Stimmung und machten aus einem Fußballspiel ein erinnerungswürdiges Event. Die anderen brächten sich finanziell deutlich stärker ein. Systemisch betrachtet leisteten Kommerz und Kurve gleichermaßen einen unverzichtbaren Beitrag zum Gesamterlebnis Fußball.

Zum Abschluss des Programms führte Jörn Kleinschmidt ein Gespräch mit dem ehemaligen FIFA-Schiedsrichter Urs Meier. Thema war der Videoassistent und die Frage, was Fairness im modernen Fußball bedeutet. Meier plädierte in diesem Gespräch für eine wieder stärkere Verantwortung des Schiedsrichters auf dem Platz – weg von der ständigen Kontrolle durch die Technik, hin zu mehr Entscheidungsfreiheit und Vertrauen in das Urteilsvermögen der Unparteiischen. Er betonte, dass dafür auch eine praxisnähere Ausbildung der Schiedsrichter notwendig sei. Wer Spiele leitet, müsse das Spiel selbst erlebt haben – im besten Fall als aktiver Fußballer. Nur so könne man die Dynamik, Emotionen und Zwischentöne des Spiels wirklich verstehen. Zugleich sprach Meier sich dafür aus, ehemaligen Profispielern den Weg ins Schiedsrichterwesen zu erleichtern. Um ihnen eine Karriere als Unparteiische zu ermöglichen, müsse jedoch das derzeit geltende Höchstalter für Schiedsrichter entfallen. Diese Reform würde nicht nur Erfahrung in die Schiedsrichterei bringen, sie könnte auch das Verständnis zwischen Spielern und Unparteiischen nachhaltig verbessern. Seine Ausführungen stießen auf großes Interesse – ein klares Plädoyer für mehr Ausbildung, Kompetenz und Vertrauen im modernen Schiedsrichterwesen.

Auch unser Publikum brachte sich engagiert ein. Viele Gäste nutzten die Gelegenheit, eigene Erfahrungen, Perspektiven und Fragen einzubringen. Deutlich konnten wir spüren, wie groß das Bedürfnis ist, über Alternativen nachzudenken und gemeinsam Wege zu finden, um den Fußball glaubwürdiger, nachhaltiger und sozial verantwortlicher zu gestalten. 
 
Die Resonanz auf unsere Konferenz hat uns gezeigt, dass das Interesse an einer werteorientierten Zukunft des Fußballs groß ist. Wir danken allen, die dabei waren, die vorbereitet, mitdiskutiert und mitgedacht haben.

„Kicken. Kurve. Kapital.“ war für uns nicht nur eine Veranstaltung, sondern ein starkes Signal: Dass wir alle eine große Verantwortung tragen für den Fußball, den wir lieben.