Im Vorfeld unserer Konferenz „Kicken. Kurve. Kapital“ am 9. Oktober in Stuttgart haben wir vorab mit Andreas Rettig (DFB-Geschäftsführer Sport) gesprochen, der auf der Konferenz auch einen Impulsvortrag halten wird.
Fußballkultur & Fans
Herr Rettig, Fußball lebt von seiner besonderen Kultur und den Menschen auf den Rängen. Was macht die deutsche Fankultur aus Ihrer Sicht so einzigartig – und welche Rolle werden die Fans künftig für den Fußball in Deutschland spielen?
Andreas Rettig: Dies liegt im Besonderen an der 50+1 Regel. Mitbestimmung und Teilhabe verstärken die emotionale Bindung der Fans und Mitglieder zum Club. Es ist gewissermaßen ja „ihr Club“. Das Festhalten an Stehplätzen und sozialverträglichen Ticketpreisen sind weitere wichtige Säulen der deutschen Fan-Kultur.
Fans im Wandel
Investoren und Sponsoren prägen den Profifußball immer stärker. Dabei fühlen sich Fans und Mitglieder nicht immer ausreichend berücksichtigt – obwohl sie das Fundament des Spiels bilden. Wie können Anhänger in Zukunft stärker eingebunden werden, und was erwarten Fans heute von ihren Klubs?
Andreas Rettig: Es geht nur gemeinsam! Bei aller Kritik an der fortschreitenden Kommerzialisierung bleibe ich dabei, der Fußball sollte auch für Investoren offen sein – jedoch im Rahmen der Spielregeln, die wir als Alleinstellungsmerkmal der 50+1 Regel in Deutschland kennen. Selbst bin ich ein Fan der Genossenschaft, denn was einer nicht schafft, schaffen viele. Das haben wir während meiner damaligen St. Pauli Zeit bereits auf den Weg gebracht und die jetzigen Gremien haben das in beeindruckender Art und Weise umgesetzt (ca. 30 Millionen Euro eingesammeltes Kapital).
Nationalmannschaft & Identifikation
Die Nationalmannschaft ist ein Aushängeschild des deutschen Fußballs. Nach schwächeren Ergebnissen kam es zuletzt auch zu kritischen Reaktionen der Zuschauer. Ist sportlicher Erfolg die wichtigste Voraussetzung für Begeisterung – oder braucht es weitere Faktoren, um Identifikation zu stärken?
Andreas Rettig: Der sportliche Erfolg ist natürlich ein wesentlicher Faktor für die Zuneigung der Fans. Aber nicht zu unterschätzen sind „weiche Faktoren“ wie Bodenständigkeit und Nähe, die zur Akzeptanz beitragen. Der Fan verzeiht dann eher eine Niederlage, wenn er sich mit der Mannschaft identifizieren kann. VfB Sperber Neukölln oder der VfB Bösingen, unsere Spieler wissen, wo sie herkommen.
Blick in die Zukunft des DFB
Sie haben beim DFB bereits wichtige Impulse gesetzt. Wenn Sie den Blick nach vorn richten: Welche Veränderungen möchten Sie noch anstoßen – und wie sehen Sie die Entwicklung des Fußballs in den nächsten 20 Jahren? Welche Chancen hat der deutsche Fußball im internationalen Vergleich – auch angesichts finanzstarker Investoren aus dem Ausland?
Andreas Rettig: Wir sollten unseren eigenen Weg gehen und das „Rattenrennen“ nicht mitmachen (Der Begriff „Rattenrennen“ beschreibt ein kollektives Wettrüsten der Clubs , das jedoch ins Leere läuft, weil trotz aller Investitionen immer mindestens zwei Vereine absteigen müssen). Der Fokus sollte hierbei auf der Nachwuchsförderung, der Exzellenz beim Management und bei den Trainern liegen. Diese sind wichtige Parameter, um fehlendes Kapital auszugleichen.
