Warum die Konferenz der Innenminister:innen eine Gefahr für Fußballfans bleibt
Ein Kommentar von Tobias Hügerich
Die erst kürzlich abgehaltene Konferenz der Innenminister:innen war ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr sich mit den Autokratisierungstendenzen der westlichen Welt die Repressionen verschärfen. Zwar wurden einige Maßnahmen, die im Vorfeld der Konferenz durchgesickert waren, (zunächst) nicht umgesetzt, allerdings sollte sich aus Fanperspektive nicht mit der Linderungen der eigentlich geplanten Maßnahmen zufriedengegeben werden. Vielmehr muss realisiert werden, wie weit es gegenwärtig schon gekommen ist: Egal ob KI-Gesichtsscanner, der Einsatz der vom rechtsautoritären Peter Thiel mitgegründeten Datensoftware Palantir, ein hoher Zuwachs an Polizeieinsatzkräften, personalisierte Tickets oder eine zentrale Behörde für Stadionverbote. Die Pläne zur Kontrolle der Ultras-Szene in Deutschland waren und sind immens repressiv und antidemokratisch. Einbeziehung von Fanvertreter:innen bei der Diskussion neuer Maßnahmen? Transparenz? Fehlanzeige!
Doch stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Welt der Ultras immer wieder so sehr in den Fokus der Innenminister:innen gerät. Zum einen, so ist es dem Internetauftritt von „Der Fußball ist sicher“ zu entnehmen, fungiert die wohl größte Subkultur in Deutschland als eine Art Testfeld für die Behörden. Zum anderen liegt es vermutlich auch daran, dass durch ebenjene Größe der Subkultur eine Gefahr auf dem Weg zu noch mehr Kontrolle besteht.
Subkulturen können ein wichtiger, mitunter sogar der einzige Halt für viele Menschen sein. Gerade marginalisierten Personen können sie einen Raum der Sicherheit geben, den sie sonst nicht erfahren. Darüber hinaus formen sie junge Menschen, geben ihnen die Möglichkeit, sich fernab von Schule, Erziehungsberechtigen, Ausbildung oder Studium auszuprobieren und andere Perspektiven auf die Welt kennenzulernen. Jedoch werden Subkulturen nur bis zu dem Zeitpunkt toleriert, an dem sie den Finger in die Wunde legen und bestehende Zustände kritisieren. Ein astreines Abziehbild dafür liefert die Ultras-Kultur: Wenn die Choreos schön aussehen, die Gesänge das Stadion und die Mannschaft mitreißen und die charitativen Aktionen der PR-Abteilung des Vereins nutzen, werden Ultras als ein wichtiger Teil des Fußballs angesehen. Sprechen diese Missstände bei Behörden, in der Politik oder im durchgeknallten Business Profifußball an, werden sie als kleine und laute Masse bezeichnet und als gewaltbereite Idioten diffamiert.
Zur Unterstützung werden dann künstlich Probleme geschaffen, wie das Beispiel Pyrotechnik zeigt. Natürlich hat diese ein gewisses Gefahrenpotential. Allerdings ist dieses fast ausschließlich dann gegeben, wenn Pyrotechnik von Idioten zum Wurfgeschoss umfunktioniert und gegen Menschen eingesetzt wird. Währenddessen zeigt die eigens durch die Polizei unterhaltene „Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS)“ deutlich auf, dass die Zahl der Verletzten in den Stadien im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent zurückgegangen ist. Gleichzeitig ist eine Steigerung von 73 Prozent an Pyroeinsatz in den Stadien zu vernehmen. Jedoch wird im Diskurs der Sicherheitsbehörden ausschließlich letzterer Fakt thematisiert. Dies ist nur eines von vielen Beispielen dafür, wie Zahlen falsch oder nicht ausreichend dargestellt werden, um damit puren Populismus betreiben und ein noch höheres Maß an repressiven Maßnahmen legitimieren zu können.
Stattdessen sollte einmal der Frage nachgegangen werden, welche Ursachen für Verletzungen in Stadien sonst noch so zugrunde liegen. Würden die Innenminister:innen Fanprojekte, Fanhilfen oder überhaupt irgendwelche Vertreter:innen, die den Spieltag nicht mit Helm und Knüppel, sondern mit Schal und lautstarker Stimme verfolgen in ihrer Diskussion berücksichtigen, ergäbe sich standortunabhängig ein anderes Bild. Die Zahlen der ZIS legen nämlich ebenfalls dar, dass allein fünfmal mehr Verletzte durch den Einsatz von polizeilichen Reizstoffen, wie beispielsweise Pfefferspray entstehen, als durch den Einsatz von Pyrotechnik. Und dabei werden Dunkelziffern, die wohl durchaus hoch ausfallen dürften, noch gar nicht berücksichtigt. Einmal ganz davon abgesehen, wie viel Polizeigewalt sonst in und um das Stadion und generell in der Gesellschaft geschieht und nicht dokumentiert wird. Statt über ein Verbot von Pyrotechnik im Stadion sollte also über ein Verbot von Polizei im Stadion diskutiert werden – so jedenfalls die Logik der Innenminister:innen.
